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Freitag, 15. August 2008

Manfred LIEBSCHER Im Paradies der Erinnerungen...



Manfred LIEBSCHER 
Im Paradies der Erinnerungen… 
Autobiographie
(3.Auflage 2007)

Vorwort von Gisela KARAU

Dieses Buch erschließt sich dem Leser unkommentiert. Der Verfasser hat unterschiedliche Berufe ausgeübt, war Knecht beim Bauern, Bergarbeiter in der Wismut, lernte Sattler, wurde Volkspolizist und schließlich Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, sich als Schriftsteller zu versuchen, obwohl er Talent dazu besitzt. Er kann schreiben, weil er denken kann.
Manfred Liebscher prüft den Wert seiner Erinnerungen, überzeugt, dass sein Dasein, sein Hiersein Spuren hinterlässt, "so wie die Papillarlinien der Finger", sagt er als Kriminalist. Er besteht darauf, dass die Familiengeschichten der kleinen Leute nicht weniger spannend sind als die der Monarchen. Als wir uns Anfang der neunziger Jahre zum ersten Mal begegneten, schilderte er mir die Überlegungen, die der Dresdener Fürstenzug bei ihm ausgelöst hat, jene überdimensionale Darstellung der Ahnenreihe des sächsischen Adels weckte in dem unehelich geborenen Häuslersohn die trotzige Frage nach den eigenen Vorfahren.
Der Mann aus dem Erzgebirge, der als Junge durch Berge und Wälder stromerte und davon träumte, Förster zu werden, geriet über die Volkspolizei in jene heute dämonisierte Berufsgruppe, für die man sich nicht bewerben konnte. Von der Staatssicherheit wurde man geworben, und Liebscher, in seiner Bescheidenheit erstaunt über das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde, sagte nicht nein. Er hat es nach dem Studium an der Juristischen Hochschule in Potsdam-Eiche bis zum Oberstleutnant gebracht. Wie, das beschreibt er mit erfrischender Selbstironie.
Nach dem Erscheinen meines Dokumentarbandes „Stasiprotokolle“, für den er mir neben dreizehn anderen ehemaligen Offizieren ein offenherziges Tonbandinterview gegeben hat, bekam er Lust, sich selbst an die Schreibmaschine zu setzen. Seine durch die Hasskampagnen gegen Seinesgleichen angeschlagenes Selbstwertgefühl war durch unsere Gespräche genesen, er hatte endlich einmal zusammenhängend über seinen Werdegang und die Motive seiner Entscheidungen reden können und entschritt ein Stück aufrechter, als er gekommen war. „Was soll ich eigentlich verbrochen haben?“ fragte er mich und sich. Das Staats-Archiv, in dem er gearbeitet hatte, wurde vom Bundesarchiv als gut funktionierende Einrichtung geschätzt und übernommen, auch er noch für kurze Zeit. Dann ging er in Rente.
Er weiß viel, und was er nicht wußte, hat er recherchiert und nachgelesen. Sein Buch enthält neben dem Familiären Wissenswertes über die deutsche Geschichte; über die Kriegsgründe und Kriegsverbrechen, mit denen er als Referatsleiter der MfS-Behörde in Berlin-Hohenschönhausen befaßt war. Dort lagerten Akten der Gestapo, der SS, des Freislerschen „Volksgerichtshofes“, eine für ihn erschütternde Lektüre, die über das Ausmaß des Terrors gegen antifaschistischen Widerstandskämpfer Auskunft hab. Neuntausend laufende Meter Akten des dritten Reiches, zu großen Teilen von der sowjetischen Besatzungsmacht an die DDR übergegeben, standen zu Verfügung. Mit Hilfe dieses Beweismaterials konnte noch so mancher untergetauchte Nazi-Verbrecher dingfest gemacht werden, zum Beispiel der SS-Strolch Henry Schmidt, der Verantwortliche für die Deportation der Dresdner Juden. In den neunziger Jahren wurde gegen den Ermittler Liebscher ermittelt, da er auch mit der Verfolgung politischer Straftaten in der DDR zu tun hatte. Ein bei einem Fluchtversuch geschnappter ehemaliger Grenzoffizier hatte ihn angezeigt. Interessant zu wissen, daß von den rund 20 000 Verfahren der ZERV (Zentrale Erfassungsstelle für Regierungskriminalität in der DDR) 19 000 eingestellt wurden. Nicht alle rachsüchtigen Denunzianten hatten vor sachlich prüfenden Richteraugen Bestand. Manfred Liebscher wurde bestätigt, daß er sich keines Rechtsbruches schuldig gemacht hat. Das war das Ende einer Periode schlafloser Nächte. Er kann heute mit Gelassenheit darüber schreiben.
Sein Buch ist wohltuend unaufgeregt, doch von einem stillen Schmerz durchzogen über den Untergang der Republik, der Heimat der kleinen Leute. Er hat es für seine Enkel gedacht. Auch andere werden es mit Gewinn lesen, meine ich.

Bestellen: NORA Verlag kontakt@nora-verlag.de

ISBN (13) 978-3-935445-78-8
ISBN (10) 3-935445-78-4

Kommentare:

  1. Prima geschrieben

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  2. Dieses Buch hat einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherschrank. Große Hochachtung vor Manfred Liebscher!
    Gruß Norbert.

    Tip: absolut empfehlenswert!!!

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