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Sonntag, 17. Juni 2018

Gedanken zum 17. Juni 1953

Vor 65 Jahren verbrachte ich an zwei aufeinander folgenden Tagen jeweils einige Stunden inmitten protestierender Bauarbeiter der Stalinallee, den aus Westberlin in den Osten strömenden "Aufstands"-Akteuren sowie zahlreichen Mitläufern oder Neugierigen und verfolgte aufgeregt die Ereignisse vor dem Haus der DDR-Ministerien an der Leipziger Straße.

Irgendwo auf den verschwommenen Fotos von den "Volksaufständischen" muss auch mein Haarschopf zu sehen sein, und am Montag, dem 16. Juni stand ich unserem mutigen Redner - dem vormaligen Bergmann, furchtlosen antifaschistischen Widerstandskämpfer und inzwischen DDR-Minister Fritz Selbmann sogar derart nahe, dass ich ein spaßiges Detail seiner Kleidung wahrnahm. Alles andere war nicht spaßig, und der von ihm verkündete Regierungsbeschluss über eine Rücknahme der umstrittenen 10%igen Normerhöhung wurde kaum zur Kenntnis genommen.

In späteren Jahren dachte ich nur gelegentlich an das Erlebte zurück, und auch in Gesprächen zwischen Kollegen und Genossen war der in der Bundesrepublik alljährlich lautstark gefeierte „Volksaufstand“ eigentlich kein Thema - wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil die ihn verursachenden Entwicklungen kaum als Ruhmesblatt in die DDR-Geschichte eingehen würden. Aber wir hatten nach notwendigen Kurskorrekturen unseren friedlichen Weg zum Sozialismus trotz aller Schwierigkeiten fortgesetzt und im Verlauf der nachfolgenden Jahrzehnte Erfolge errungen, die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein kapitalistischer Staat aufweisen kann. Gemessen an den Umständen unter denen sie erreicht werden mussten, waren sie zweifellos  beachtlich.

Mein Mann und ich standen 1989 bereits im Rentenalter und blickten auf ein erfülltes, obwohl keineswegs leichtes oder gar bequemes Leben zurück. Aber vor allem hatten unsere vier Kinder in der DDR nicht nur eine glückliche Kindheit und Jugend erlebt, sondern auch in den Jahren danach stets eine sichere Existenz und Perspektive gehabt.
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Da akzeptierten sogar solche wie mein Mann und ich, dass man mit öffentlicher Kritik wohl vorsichtiger umgehen musste, konnten aber andererseits in den Folgejahren nicht mehr übersehen, dass es sich mancher Verantwortliche nun zunehmend leichter machte und allerhand selbstherrliche Karrieristen in leitende Positionen vordrangen.
In den 80er Jahren herrschte innerparteilich dann eine oft geradezu lähmende Atmosphäre, die dringend der Veränderung bedurfte. Weshalb mein Mann und ich - und  mit uns wohl die Mehrheit der Genossen -  zunächst auf Gorbatschows Perestroika-/Glasnost-Masche hereinfielen. Auch in meiner Parteigruppe  wurde begeistert darüber diskutiert, denn dort mussten wir nach wie vor kein Blatt vor den Mund nehmen. Dass dieser faule Zauber unseren Karren endgültig gegen die Wand fahren würde, merkten zumindest mein Mann und ich erst während einer Urlaubsreise in die Sowjetunion.

Als die "DDR-Bürgerrechtsbewegung" von westdeutschen Politikern unter völliger Missachtung der Souveränität unseres Staates immer dreister beeinflusst, geformt und voran getrieben wurde, war schnell klar, wohin der Weg führen sollte. Um diese Entwicklung zu verhindern, wären wir wie Hunderttausende oder sogar Millionen DDR-Bürger den "Wir-sind-ein-Volk"-Demonstranten gern rechtzeitig entgegen getreten. Doch auf ein Signal der Parteiführung warteten wir vergeblich und hatten weder die Verbindungen noch den Mut, uns selbst zu organisieren. Bald war es dann zu spät, die Hetzjagd auf DDR-Befürworter in vollem Gange und bis zur Bereitschaft zu Lynchmorden aufgeheizt.

"Vielleicht waren wir zu naiv" schrieb eine der DDR-Bürgerrechts-Ikonen, meine Altersgefährtin Christa Wolf, sinngemäß in ihrem letzten Roman. Das halte ich ihr zugute.
Wo und wie sie die Junitage 1953 verbrachte, entzieht sich meiner Kenntnis.
Aber man musste wohl den ersten Versuch zur Annexion der DDR nicht nur erlebt, sondern auch als solchen erkannt haben, um danach gegen die hinterhältigen Phrasen der angeblichen "Brüder und Schwestern" gefeit zu sein.

Die Frage, wie es vermutlich um ihn selbst, seine Familie, Deutschland, Europa und die Welt heute bestellt wäre, hätte die Konterrevolution damals gesiegt und damit eine Kettenreaktion in anderen sozialistischen Ländern ausgelöst, sollte sich jeder am 65. Jahrestag des "Volksaufstandes" stellen.
Die Antworten werden unterschiedlich bis krass gegensätzlich ausfallen.


Ich persönlich bin froh über den historischen Zeitgewinn für mich, meine Familie, uns Ostdeutsche, alle Europäer  und die gesamte Menschheit. 
Ursula Münch, (Jg. 1929)

Vollständig lesen:
http://ddr-kabinett-bochum.blogspot.com/2018/06/gedanken-zum-17-juni-1953.html

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